Ein Inländerfreund

Junge Welt v. 21.5.05, aus zwei Briefen Jürgen Elsässers an Bernhard Schmid:

    >>Zum einen ist es politisch korrekte Scheinheiligkeit, zwischen dem »Nein von links« und dem »Nein von rechts« einen strikten Trennungsstrich zu ziehen. Will man die EU-Verfassung verhindern – ja oder nein? Falls ja, braucht man die Stimmen von rechts, da beißt die Maus keinen Faden ab. Und wenn am Abend des 29. Mai in Frankreich ausgezählt wird, wird man es den Nein-Stimmzetteln nicht ansehen, ob da einer wegen der Argumente des Rechtsradikalen Le Pen oder des Trotzkisten Krivine sein Kreuzchen gemacht hat, oder ob – was Du offensichtlich für besonders schlimm hältst – in vielen Köpfen Argumente von links und rechts fröhlich kumuliert und panaschiert wurden. <<

    >>Für den Erfolg aber ist es absolut zentral, nicht die Lieblingsargumente des jeweiligen politischen Vereins in den Mittelpunkt zu stellen, sondern das, was die Masse der Menschen wirklich bewegt, und das ist in Frankreich die Frage der EU-Erweiterung und insbesondere die Frage des Türkei-Beitritts. Wenn die Linke diesem Thema schamhaft ausweicht oder herumeiert, braucht sie sich nicht zu wundern, wenn sich am Ende Le Pen und Co. den Erfolg ans Revers heften.<<
Die Masse besteht in der überwiegenden Mehrheit aus Inländern. Wer massenfeindlich ist, ist inländerfeindlich:
    Jürgen Elässer, Junge Welt v. 28.7.05:
    >>Eine Politik für Minderheiten nicht nur als selbstverständlichen Teil linker Praxis, sondern als Zentrum oder Pointe linker Identität anzusehen, war plausibel in der fordistischen Phase des Kapitalismus, als die Herrschenden die große Masse auf Kosten von unverheirateten Frauen, Hippies, Homosexuellen, Ausländern und so weiter in ihr System integrierten. Die neoliberale Offensive hat den Frontverlauf jedoch verändert: Zum einen wurde das Image und teilweise auch die Rechtsstellung der früher Stigmatisierten verbessert – Schwulsein ist mittlerweile hip, und mit dem neuen Staatsbürgergesetz kann ein Zugewanderter leichter als früher Deutscher werden. Zum anderen richtet sich der Hauptstoß von »Agenda 2010« und »Hartz IV« gegen die Mehrheit der Bevölkerung – also gegen die Normalos, die »ihre Familien zu ernähren haben« (Lafontaine). Zugespitzt gesagt: Der Fordismus war vor allem ausländerfeindlich, der Neoliberalismus ist vor allem inländerfeindlich (wobei, um es noch einmal zu betonen, unter Inländer auch die hier lebenden Arbeitsimmigranten zu fassen sind).
    Was not täte, wären Konzepte gegen diese Inländerfeindlichkeit, Konzepte zur Gewinnung der Normalos.<<
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"Inländerfeindlichkeit" ist natürlich Nazijargon. Obwohl ich schon einiges über Elsässers Abgang von der antideutschen Szene geschrieben habe, bin ich doch überrascht, wie weit er mittlerweile geht.

Groteskes Detail am Rande - 1999 schrieb Elsässer anlässlich Lafontaines Rücktritt als Finanzminister:
    >>Für diese Republik ist Lafontaine untragbar, da er immer wieder haarscharf an antideutschen Positionen vorbeiformulierte<<

Samstag, 20. August 2005, 21:37, von vr | |comment

 
Ich bin auch einigermaßen erschüttert, wie weit es Elsässer rausgetragen hat. Oder besser: reingetragen. Schon vor seiner Hingabe an die populären serbischen Verschwörungstheorien, die er zuletzt auch in Buchform und bei öffentlichen Auftritten ausbreitete, fand ich seine Artikel bei Telepolis von wachsender Selbstvergessenheit bestimmt. Höhepunkt: die mehrteilige Satire , die so besonders wehtut, weil nicht mal die Pointen noch funktionieren. Das zunächst angeschlossene Forum wurde dann auch wohlweislich entfernt. Dort fragte ich, ob Elsässer wirklich bei diesen Leuten mitlaufen will, die da montags nach dem Staat schreien. Er scheint damit offenbar wirklich keine Probleme mehr zu haben. Oh je.

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For einiger Zeit habe ich mal mit ihm nach einer Veranstaltung geredet, das war kurz nach dem Eklat bei Konkret.
Die Frage, ob der Wechsel zurück zur Jungen Welt sich für ihn finanziell ausgezahlt habe, etwa über höhere Buchverkäufe, verneinte er. Auch die Antideutschen kämen nicht mehr zu seinen Veranstaltungen, es klang so, als würde er gerne mit ihnen diskutieren.
Weiterhin meinte er, er sei enttäuscht von Sharon, weil er erwartet hätte, dass er den Frieden endlich duchsetzen würde.
Ich habe ihn auch gefragt, wie er es denn mit Pirker in der Jungen Welt aushalten würde. Darauf erzählte er, dass man dort Pirker zum Redakteur gemacht hätte in der Hoffnung, dass er dann weniger Zeit zum Schreiben hätte. Mittlerweile glaube ich nicht, dass er noch ein nennenswertes Problem mit Pirker hat.

Wenn ich die Zeit habe, schaue ich mir nochmal einige der Sachen aus seiner antideutschen Zeit an. Es gibt einiges, was mir in Nachhinein auffällt, das ich damals aber geschluckt habe, weil er "auf unserer Seite" stand.

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Ein Fall von Heuchelei?
Also was soll denn die Empörung über Elsässers Abgang aus der antideutschen Szene? In Wirklichkeit hat doch die auf ihre Weise genau die gleiche Wendung durchgemacht: von Kritikern der deutschen Nation sind sie zu Verteidigern der hiesigen "Zivilisation" gegen die Zumutungen "moslemischer" Einwanderer geworden. Als der Elsässer diese Wende mit seiner Hetze gegen die in "kriminellen Großfamilien" agierende "Albanermafia" vorexerziert hat, waren sie noch alle auf seiner Seite. Erst als er so inkonsequent war, seinen Hass auf die bosnischen Muslime nicht in eine Unterstützung des amerikanischen Kriegs gegen den Terror umzumünzen, haben sich die Wege getrennt. Das 90er-Jahre-Label "antideutsch" ist dann, mehr aus Zufall und der Fähigkeit zur Diskurs-Hegemonie, von der Bahamas-Redaktion mitgenommen, aber mit einem Inhalt beerbt worden, der mit dem Wortsinn so gar nichts mehr zu tun hat. Eher ließe sich diese Bewegung heute treffend als "anti-nichtdeutsch" bezeichnen, weil sie schon lang nicht mehr gegen den Rassismus der deutschen Volksgemeinschaft demonstriert, sondern jetzt selber gröhlend durch die "Araber- und Türkenkieze" in Berlin zieht, um gegen die eingeschleppten "Sitten" von Leuten zu protestieren, die sich nach Ansicht von so manchem Bahamas-Redakteur (genannt sei hier nur Tjark Kunstreich und seine Interpretation des Übergriffs von zwei Zwölfjährigen auf das Café PositHiv) allein auf der Basis ihrer schwarzen Haarfarbe als "moslemisch" identifizieren lassen.

Was soll also die Ehrenrettung des Labels "antideutsch"? Das ist längst mit Positionen besetzt, die selbst den national gefärbten Sozialismus des ehemaligen Bahamas-Autors Jürgen Elsässer an rassistischer Demagogie bei weitem übertreffen. Letzterer ist, was seine Polemik gegen den Antirassismus angeht, im Vergleich zur Mehrheit der Antideutschen, deren Gallionsfigur Elsässer einmal war, doch als nachgerade moderat zu bezeichnen!

PS: Bin gespannt, ob du diesen Comment freischaltest oder es lieber so hältst wie der Morgenthau-Blog. ;-)
PPS: Ich will dich nicht auch nur im Entferntesten mit der Bahamas-Fraktion in einen Sack stecken. Nur kommt mir deine Ehrenrettung der antideutschen Szene doch reichlich verdreht vor, so als wäre die Bahamas darin nur eine absonderliche Ausnahmeerscheinung und nicht das tonangebende Medium der gesamten "Bewegung".

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Ich sehe keinen Grund, deinen Text zu löschen. Im Detail werde ich dazu etwas später etwas schreiben, ich freue mich eigentlich darüber, mal über einige der Punkte zu reden, damit man Positionen klären kann.

Anscheinend liest du Bahamas und verwandte Publikationen sehr viel öfter als ich (ich lese nur noch die Kommandoerklärungen und schaue, wer gerade gedisst wird), deshalb wären Belege für folgende deiner Aussagen nett:
    " Das ist längst mit Positionen besetzt, die selbst den national gefärbten Sozialismus des ehemaligen Bahamas-Autors Jürgen Elsässer an rassistischer Demagogie bei weitem übertreffen."

    "Nur kommt mir deine Ehrenrettung der antideutschen Szene doch reichlich verdreht vor, so als wäre die Bahamas darin nur eine absonderliche Ausnahmeerscheinung und nicht das tonangebende Medium der gesamten "Bewegung"." [Welche Ehrenrettung meinst du? Meinen Debattentext?]
Ich bin übrigens nicht empört über Elsässers Abgang. Sollte ich irgendwo den Eindruck erweckt haben, bitte ich um das Zitat. :)

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Als ich anfing antideutsche Texte zu lesen, fiel mir schon auf, dass Christoph Türcke's rassentheoretische Überlegungen von Bahamas- und ISF-Autoren verteidigt wurden. Deshalb habe ich dieses Milieu damals weiträumig umschifft. Ohnehin war 17°C immer die bessere Zeitschrift gewesen. Die Sache mit der Affirmation von Rassismus, wenn er im eigenen Jargon daherkommt, ist also nichts Neues.

Du hast mich ja mal darauf hingewiesen, dass ich zu lgf linke, wegen der Kommentare, die in der Tat z.T. ziemlich übel sind. Ich habe mir das angeschaut und daraufhin den Link heruntergenommen, weil ich damit in der Tat nicht assoziiert werden will.
Nun sehe ich, dass du zum Gegenstandpunkt linkst, und auch durchaus affirmativ deren Texte vorstellst. Auf deren Webseite finde ich u.a. dieses Buch von 1982 zu Israel beworben. Ich kann keine Distanzierung auf der Seite sehen, also schließe ich daraus, dass man zu den Inhalten (Israelischer Vernichtungsfeldzug gegen die Palästinenser im Libanon etc.) nach wie vor steht.

Hier steht (aus dem Jahr 2002):
    >>Israel führt einen Antiterrorkrieg
    ... nach dem Muster der USA
    ... zur definitiven Erledigung des "Palästinenserproblems"<<
Oder: Deshalb die Frage (du würdest ja sicher nicht zur Bahamas linken): Stören dich solche Texte wirklich weniger als das, was in der Bahamas steht?

Des weiteren fiel mir die Besessenheit des GSP vom Wort "Neger" auf - es kommt auf der GSP-Homepage gleich 148 mal (auch in neuerer Zeit) vor. Ist sicher immer voll ironisch gemeint.

Köstlich die Erklärung, warum sich manche Schwule so eigenartig verhalten.

Erklären die den Hauptwiederspruch wirklich so gut, dass es sich für dich lohnt, zu denen zu linken?

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Follows a longer justification... ;-)
Ich hab mich in meinen Kommentaren auf X-berg.de und anderswo klar vom Antizionismus des GegenStandpunkt distanziert. Wenn es wirklich so wäre, dass diese Zeitschrift heute in einer Tour solche Ansichten verbreiten würde, wie es die Bahamas tut -- der ja die Hetze gegen den Islam längst zum einzigen Beschäftigungsfeld geworden ist --, bliebe der Link keine Sekunde auf meiner Seite. Ich habe in letzter Zeit aber nichts mehr in dieser Richtung gelesen, so dass ich, wenn auch mit Bauchschmerzen, zu der Entscheidung stehen kann. Ich würdige einzelne Texte des GSP, habe diese Zeitschrift aber nie als Ganzes unterstützt. Das mache ich immer wieder in Diskussionen, unter anderem auf dem KF, deutlich. Dies hat, um es ehrlich zu sagen, nicht nur mit ihren antizionistischen Positionen von früher und heute zu tun, sondern auch mit dem totalen Wahrheitsanspruch, den ihre Anhänger ostentativ vor sich hertragen und der einem in Diskussionen manchmal entgegenschlägt, als redete man gegen eine Wand.

Im Übrigen halte ich es mit der BAHAMAS gar nicht so anders: im Artikelarchiv meiner Homepage habe ich mehrere Texte von Redakteuren dieser Zeitschrift verlinkt, die aus einer Zeit stammen, als sie noch einigermaßen bei Sinnen waren. Denn ich will Texte -- und da bin ich ganz Foucaultist -- nicht nach ihrer Herkunft bewerten, sondern nach ihrem Inhalt. Autorschaft ist für mich keine zentrale Ordnungskategorie, weil ich nicht an die Identität von Biographien glaube.

Schließlich möchte ich darauf hinweisen, dass ich in meiner Linkliste lediglich die englischen Seiten des GSP verlinkt habe. Und das aus gutem Grund. Ich schreibe, wie du vielleicht gesehen hast, meine Postings öfter auf Englisch und habe daher auch einen nicht unbeträchtlichen Anteil englischsprachiger Leser auf meinem Blog. Dass die sich einer GSP-Gruppe anschließen und deren Positionen dogmatisch vertreten könnten, halte ich für ausgeschlossen. Ich erhoffe mir aber, dass sich davon vielleicht ein paar Leute für kritisch-marxistische Ansätze interessieren, und ich glaube tatsächlich, dass die Artikel auf der englischen Seite des GSP ein paar gute Argumenten gegen den Leninismus enthalten, der -- international gesehen -- bis zum heutigen Tag über alle Heterodoxien einer kritischen Marx-Rezeption triumphiert.

Was die anderen Themen angeht: der GSP hat ein paar lehrreiche Vorträge zum Thema Rassismuskritik zu bieten. Dass er am Begriff "Neger" festhält, den Theodor W. Adorno genauso wie Martin Luther King noch unbefangen gebraucht haben, der in den 70er Jahren aber durch die Black-Power-Bewegung zum Schimpfwort herabgesunken ist; dass sie diese Bezeichnung also ungebrochen weiter verwenden, nur um den Leuten ihre Ansicht unter die Nase zu reiben, dass symbolische Begriffsumwertungen keine Strategie gegen den Rassismus sind, halte ich für ebenfalls ziemlich unerträglich. Ausweis einer rassistischen Gesinnung ist es aber nicht. Das zu unterstellen, wäre unfair. Gleichzeitig ist es verletzend für die, die sich diesen Begriff an den Kopf knallen lassen müssen. Ich kann daher nur hoffen, dass sich dieses Wort zumindest auf ihren englischen Seiten nirgendwo findet!

Was nun zuletzt den Artikel über Schwule angeht: ich finde den in seiner Analyse gar nicht so falsch. Lediglich der Schluss passt mir nicht in den Kram. Aber dass die Tuntenkultur, ähnlich wie unzählige andere Szenen, ein einziger narzisstischer und im Grunde stockaffirmativer Selbstinszenierungshaufen ist, in dem es nur darum geht, sich seiner Identität als eines Merkmals zu versichern, für das die Welt einem Bewunderung schuldet, kann ich aus erster Hand bestätigen. Ich sage das als jemand, der Anfang 20 selber noch glaubte, durch das Anziehen eines Fummels politisch provozieren zu können, aber das schließlich gelassen hat, als er merkte, dass das eine in mehrfacher Weise reaktionäre Praxis ist: erstens weil ich gesehen habe, wie Tunten unter dieser Fassade ihren Frauenhass auf der Bühne ausagiert haben; zweitens weil die Subversionseffekte null and void sind, da es doch schließlich genau das ist, was der Bürger von einem Schwulen erwartet; drittens weil diese Leute in ihrer Mehrheit nicht Geschlechterrollen dekonstruieren, sondern lediglich ihre schwule Identität performieren wollen; und viertens weil sich dadurch einige Transgenders in ihrer schwierigen Lebensrealität ironisiert und verspottet fühlen.

Ich habe die Berliner Tunten der frühen 90er Jahre bewundert, die das Fummeltragen als Transportmittel für eine politische Aussage benutzt haben. Es sind aber genau diese Leute, die heute in ihrer Mehreit partout keinen Fummel mehr anziehen wollen, weil sie die Kultur der Trash-Tunten aus den 80er Jahren durch die affirmative Praxis der heutigen Generation von Glamour-Tunten als vollständig entwertet betrachten. Einigen der zuletzt genannten hab ich diese Analyse auch schon persönlich weitergeleitet, weil sie wie maßgeschneidert auf ihr tatsächliches Selbstverständnis passt.

Du machst es dir also in allem etwas zu einfach: ich hab viel vom GSP gelernt, und das möchte ich auch nicht verleugnen müssen, nur weil mir einiges andere an ihm so gar nicht in den Kram passt. Im Unterschied zu meiner Einschätzung der BAHAMAS, die nur noch Bullshit schreibt, halte ich eine Diskussion mit Anhängern des GSP für nach wie vor sinnvoll.

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Die antisemitischen Texte des Gegenstandpunkt sind HEUTE auf deren Webpage zu finden, einiges davon wurde sogar in diesem Jahrzehnt geschrieben (ich habe das oben vermerkt). Wenn sie ihre Meinung dazu geändert hätten, müssten sie entweder die Texte löschen oder sich eindeutig distanzieren. Das tun sie jedoch nicht, also gehe ich davon aus, dass sie hinter den Texten stehen.

Zu Marx gibt es wahrlich genug Literatur, die weit qualifizierter ist als das, was man vom GSP kennt. Ich verweise auf Michael Heinrich, zum Thema Ideologie Terry Eagleton, von Gerhard Hauck habe ich vieles gelernt. Es gibt nicht die geringste Notwendigkeit, zu irgendeinem Thema, erst recht nicht der Kritik am Leninismus, auf diese Leute zurückzugreifen.

Mittlerweile habe ich auch den Beitrag auf X-Berg gefunden, der den Antisemitismus des Gegenstandpunkt auch in neuer Zeit dokumentiert. Mir ist aufgefallen, dass du dort mit Leuten diskutierst, mit denen ich nicht reden würde, aber mir ist schon klar, dass da keine verbindlichen Standards duchsetzbar sind.

Wahrscheinlich im Gegensatz zu dir betrachte ich Leute, die solche offensichtlich antisemitischen Traktate verbreiten, ganz schlicht als politische Gegner. Dabei wird für mich die Frage, ob sie "auch Linke" sind, zweitrangig.

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Reden ist Silber, Schweigen ist Gold?
Und was bringt nicht reden? Überzeugst du damit jemanden? Mir ist jedenfalls aufgefallen, dass diese Diskussion -- und das ist fast ein Wunder -- einige GSP-Adepten damals sehr wohl zum Nachdenken, vielleicht sogar zu so etwas wie der Empfindung von Scham gebracht hat. Es ist nämlich keineswegs so, dass dieser Antisemitismus dem GSP-Ansatz logisch entspringen würde. Und man muss, auch wenn sich diese Leute in der Regel äußerst konform zu den Positionen ihrer theoretischen Idole verhalten und kaum einen von deren Fehlern einzugestehen bereit sind, ihnen sehr wohl die Möglichkeit zubilligen, dass sie sich in diesem Punkt vom Mainstream innerhalb des GSP-Zusammenhangs distanzieren. Lies nur mal als Beispiel die extrem coolen Kommentare von Danny zu dem von dir verlinkten Beitrag!

Übrigens rede ich ohne Zögern auch mit BAHAMAS-Fans und habe einige von denen sogar komplett von dieser Zeitschrift abgebracht. Das hätte ich wohl kaum geschafft, wenn ich mir den Standpunkt zu eigen gemacht hätte, dass man sich an solchen Leuten die Hände nicht schmutzig machen dürfe.

Außerdem finde ich es absurd, dass du Leute wie Heinrich, Decker, Eagleton und Hauck für komplett austauschbar erklärst, so als würden die alle das gleiche sagen. Das stimmt natürlich überhaupt nicht. Der Unterschied zwischen dem GSP und anderen marxistischen Strömungen ist der, dass er Staat- und Nationalismuskritik ins Zentrum seiner Überlegungen stellt. Und das ist genau das, was ich vom GSP gelernt habe und für absolut richtig halte. Bei Heinrich wird man da ganz sicher nicht fündig, wenn ich mir z.B. diesen folgenschweren Schnitzer anschaue! Natürlich macht der GSP ebenso saftige Fehler. Aber genau deshalb akzeptiere ich ja nur ganz bestimmte seiner Texte und Vorträge als richtig und nicht den vermeintlich kohärenten Gesamtansatz!

Im Übrigen: wenn man ernsthaft damit anfinge, die Akzeptierbarkeit von theoretischen Texten an der moralischen Integrität ihrer Autoren festzumachen, dürfte man sich nach Marx' "Judenfrage" und Engels' Ausfällen gegen Homosexuelle kaum mehr als Marxist bezeichnen. Mal nur so ein Zitat:
Das ist ja ein ganz kurioser „Urning“, den Du mir da geschickt hast. Das sind ja äußerst widernatürliche Enthüllungen. Die Päderasten fangen an sich zu zählen und finden, daß sie eine Macht im Staat bilden. Nur die Organisation fehlte, aber hiernach scheint sie bereits im geheimen zu bestehen. Und da sie ja in allen alten und selbst neuen Parteien, von Rösing bis Schweitzer, so bedeutende Männer zählen, kann ihnen der Sieg nicht ausbleiben. „Guerre aux cons, paix aus trous-de-cul“ [Krieg den Fotzen, Friede den Arschlöchern], wird es jetzt heißen. Es ist nur ein Glück, daß wir persönlich zu alt sind, als daß wir noch beim Sieg dieser Partei fürchten müßten, den Siegern körperlich Tribut zahlen zu müssen. Aber die junge Generation! Übrigens auch nur in Deutschland möglich, daß so ein Bursche auftritt, die Schweinerei in eine Theorie umsetzt und einladet: introite [tretet ein] usw. Leider hat er noch nicht die Courage, sich offen als „das“ zu bekennen, und muß noch immer coram publico „von vorn“, wenn auch nicht „von vorn hinein“, wie er aus Versehen einmal sagt, operieren. Aber warte erst, bis das neue norddeutsche Strafgesetz die droits du cul [Rechte des Arsches] anerkannt hat, da wird er ganz anders kommen.
Uns armen Leuten von vorn, mit unsrer kindischen Neigung für die Weiber, wird es dann schlecht gehen. Wenn der Schweitzer zu etwas zu brauchen wäre, so wäre es, diesem sonderbaren Biedermann die Personalien über die hohen und höchsten Päderasten abzulocken, was ihm als Geistesverwandten gewiß nicht schwer wäre.
Brief von Friedrich Engels an Karl Marx vom 22. Juni 1869

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@lysis
Du schreibst: "Übrigens rede ich ohne Zögern auch mit BAHAMAS-Fans und habe einige von denen sogar komplett von dieser Zeitschrift abgebracht. Das hätte ich wohl kaum geschafft, wenn ich mir den Standpunkt zu eigen gemacht hätte, dass man sich an solchen Leuten die Hände nicht schmutzig machen dürfe."

Auch wenn ich immer noch nicht weiß, warum du mich in diese Schublade mit hineingesteckt hast, habe ich das Gefühl, daß du der Diskussion, die ich dir wegen deiner höchst aufschlußreichen Texte zu Kritischer Theorie und Homosexualität weiterhin anbiete, ausweichst oder dir gleich mit Beschimpfungen aushilfst.

Auch daß ich mit dieser merkwürdigen Zuschreibung als "Postantideutscher" oder "Anti-Nichtdeutscher" zu einem von "solchen Leuten" werde, dürfte gern noch mal Thema sein. Du machst es dir aus meiner Sicht viel zu einfach.

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Die diversen Äußerungen von Marx und Engels sind mir bekannt (u.a. belegte Marx Lasalle in seinen Briefen an Engels regelmäßig mit üblen Schimpfwörtern, bis hin zum "jüdischen Nigger").
Im Unterschied zum Gegenstandpunkt hielt Marx seine Ressentiments jedoch weitgehend aus seinen theoretischen Texten heraus, sie finden sich v.a. in seinen Briefen. Zu Marxens Text "Zur Judenfrage" verweise ich auf Haury.
Im Gegensatz zu den Texten des GSP sind diese Briefe lange vor dem Holocaust enstanden. Das spricht nicht für Marx und Engels, aber gegen den GSP, der auch heute noch wenig Hemmungen kennt.

Ich habe gerade nicht Heinrich, Decker etc. für austauschbar erklärt, denn ich meine, dass Heinrich, Eagleton etc. die wesentlich interessanteren Arbeiten verfassen (zitiere bitte den angeblichen Fehler von Heinrich genauer, ich mag nicht diesen konfusen, ellenlangen Thread komplett lesen, um dann herauzufinden, dass jemand ein Komma weggelassen hat).

Ich bin immer wieder fasziniert, wie der GSP fast ohne jede Empirie auskommt. In dem Text zum Ende der Sowjetunion, den du bewirbst, kommen zwei Weltkriege und ein Bürgerkrieg mit dutzenden von Millionen Toten und der mehrfachen Zerstörung eines Großteils der sowjetischen Infrastruktur nicht vor, weil sie den Autor beim Entfalten seiner fertigen Meinung nur stören würden. Er würde sich nie die Frage stellen, was wohl aus der Sowjetunion hätte werden können, wäre dies nicht geschehen.

"Nicht reden": Darum geht es nicht, denn offensichtlich mache ich hier ein inhaltliches Angebot und diskutiere mit Leuten. Meine Entscheidung, mit einer ganzen Reihe von Leuten keine inhaltlichen Diskussionen mehr zu führen, rührt aus meiner bisherigen Erfahrung - es ist die Mühe meist nicht wert. Ich würde jederzeit mit jüngeren Leuten reden, die in Gefahr sind, in den Linkruck etc. hineinzugeraten, aber Menschen mit langjähriger Verstrickung in diese linken Sekten kann ich nicht mehr ansprechen, deshalb lasse ich das. Leute, die sich in ihren Zusammenhängen unwohl fühlen, fangen i.d.R. von selbst an, andere Sachen zu lesen, und ab diesem Zeitpunkt wird es interessant. Mich interessieren die Umstände, unter denen Leute ihre politischen Überzeugungen ändern, jedenfalls außerordentlich.

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