| Fragmente
2002
Fragmente (vor dem 11.9.2001)
Ein Kleinbürger, trotzkistische Ausgabe Alles wird gut = Alles ist schlecht
Wirkung: Trotz der Kritik an den bisherigen Programmen und Aktionen in Deutschland finden die Nicht-Regierungsorganisationen auch viel Lob für die Bundesregierung: (Die "Tagesschau" zur Rassismus-Konferenz in Durban) Ursache: Für etwa zehn NGO's gibt es laut Kilic Zuschüsse vom Auswärtigen Amt für die Teilnahme an der Konferenz. Die deutsche Delegation sei bei den Vorbereitungskonferenzen in Straßburg und Genf "sehr offen und zugänglich" gewesen. (Die "Tagesschau" zur Rassismus-Konferenz in Durban) Jetzt muss die Tagesschau nur noch erklären, wofür das "N" steht.
Einer der Helden, die von Christen immer wieder angeführt werden, wenn sie zeigen wollen, dass es sehr wohl nennenswerten christlichen Widerstand im Nationalsozialismus gegeben habe, ist der evangelische Pfarrer Martin Niemöller ,der die "Bekennende Kirche" mitbegründete: "Doch sogar Martin Niemöller sagte noch 1935 über das jüdische Volk, 'alles, was es anfaßt, verwandelt sich in Gift' und die Juden trügen 'als fürchterliche Bürde die nicht vergebene Blutschuld ihrer Väter'. Niemöller wurde 1937 verhaftet, weil er sich gegen die nationalsozialistische Gleichschaltung der Kirchen gewehrt hatte, und wurde nach dem Krieg als Widerstandskämpfer gerühmt. Doch in den zwanziger Jahren war er für die Nazis gewesen, und 1939 meldete er sich freiwillig zum Militär, obwohl er die Altersgrenze schon überschritten hatte und täglich Zeuge wurde, was mit den Gegner Hitlers geschah. Er wurde nicht eingezogen. Daß sein Gesinnungswandel am Ende des Krieges als Beispiel für den Widerstand der Kirche herhalten mußte, ist ein vernichtendes Armutszeugnis." (John Weiss, Der lange Weg zum Holocaust, S. 413) Amen.
Ein Extremist der Mitte II (I) Der NLP-Trainer Klaus Grochowiak hat nicht nur etwas gegen Linke, die für ihn ihn oft so etwas Ähnliches wie Rechte sind (s.u.). Er hat auch etwas für einen Therapeuten der besonderen Art, nämlich den Familienaufsteller Bert Hellinger übrig, den er u.a. in einem Buch und online schwärmerisch verehrt. Das "Phänomen" Hellinger erzählt Sachen, die noch um einiges dubioser sind, als man es von Grochowiak selbst erwarten könnte: "Ich denke, daß in der Welt Kräfte am Werk sind, die lassen sich nicht steuern. Deswegen tun mir Weltverbesserer leid. Die großen geschichtlichen Bewegungen, der Nationalsozialismus, der Humanismus, die Wende, all das sehe ich als Teil eines gesteuerten Prozesses, bei dem die Opfer sowohl wie die Täter in Dienst genommen sind, für etwas, das wir nicht begreifen." (aus: Die Gazette ) Auch sein therapeutisches Agieren ist bemerkenswert: "Hellinger führt seine Shows mithin vor Auditorien von 500 und mehr Teilnehmern vor; die Klientel für seine Inszenierungen auf offener Bühne rekrutiert er unmittelbar aus eben diesem Teilnehmerkreis. Vom Hintergrund seiner jeweiligen Klienten hat er nicht die geringste Ahnung, ordentliche Anamnese oder Diagnostik ersetzt er durch höhere "Eingebung". Auch im Falle einer jungen Frau und vierfachen Mutter, die er anlässlich eines Großseminars in Leipzig auf die Bühne holte, wußte er nichts von ihrer Familiengeschichte, außer daß sie sich von ihrem Mann getrennt hatte und dieser mit der Trennung nur schlecht zurande kam. Hellinger attackierte die Frau auf massive Weise: Auf ihren Mann zeigend verkündete er: 'Dort sitzt die Liebe', auf sie zeigend: 'Und hier sitzt das kalte Herz'; danach ins Publikum gewandt: 'Die Kinder sind bei der Frau nicht sicher, die gehören zum Mann.' Gleichwohl diese ungeheuerlichen Invektiven gänzlich aus der Luft gegriffen waren, trafen sie doch durch die selbstherrliche Apodiktik, in der Ex-Ordenspriester Hellinger auftritt, wie Giftpfeile in die Seele der jungen Frau. Wortlos verließ sie die Veranstaltung, kritzelte ein paar Worte des Abschieds auf einen Notizblock - und nahm sich das Leben. [...] Hellinger kümmerte sich nicht um die junge Frau, als diese wortlos den Saal verließ. Kurz zuvor hatte er dem Publikum noch über sie gesagt: 'Die Frau geht, die kann keiner mehr aufhalten (...). Das kann auch sterben bedeuten.'Wenige Stunden darauf war sie tot. Auf die spätere Frage, ob er denn nicht hätte erkennen können, daß die Frau sich in einer tiefen Krise befunden habe, meinte er: '"Wie denn, ich kannte sie ja nur drei Minuten.' [...] Von suizidaler Gefährdung vor dem Hellinger-Seminar kann indes keine Rede sein: Die junge Ärztin hatte für wenige Tage danach einen Umzug geplant und vorbereitet und hatte sich sogar schon für mehrere medizinische Weiterbildungskurse 1998 angemeldet." (Colin Goldner, Die Psycho-Szene, S. 272f.) Schwer beeindruckt kann ich nur Grochowiak nur beipflichten: Hellinger ist wirklich ein "Phänomen". Und die Frau ist ihre Probleme endgültig los.
Ein Kleinbürger, trotzkistische Ausgabe Eine der wichtigsten Personen des Trotzkismus in Wiesbaden in seiner entristischen Version ist das SPD- und IG-Medien-Mitglied Hans-Gerd Öfinger. Er ist Redakteur von "Der Funke - Marxistische Zeitschrift in Sozialdemokratie und Gewerkschaften". Nach wie vor ist man in diesen Kreisen der Ansicht, man könne der SPD (die man für eine "Arbeiterpartei" hält) den "Marxismus" bringen und darüber gesellschaftliche Umwälzungen bewirken. Da aber heute die meisten Menschen über Trotzkisten, egal welcher Fraktionierung, lachen, ist man ängstlich bemüht, das Wort "Trotzkismus" zu vermeiden und nennt sich deshalb "Marxisten". Natürlich ist es unübersehbar, dass in "Der Funke" ständig irgendetwas über Trotzki - sein Leben, sein Werk, seine Verfolgung und Ermordung durch die Stalinisten steht, und alle der Links zu Seiten der vierten (trotzkistischen) Internationalen führen, man leugnet aber selbst auf direkte Anfrage, dass man Trotzkist ist. Ein beliebter Sport von Trotzkisten ist die Abkanzelung anderer Linker, gerne auch feindlicher Trotzkisten, als "Kleinbürger". Deshalb war es mir eine besondere Freude, Hans-Gerd Öfinger neulich auf dem Bürgersteig vor seiner Mietwohnung in Aktion zu sehen, als er eine etwa 70jährige, 1 Meter 60 kleine Frau anschnauzte, sie habe kein Recht, ihren Sperrmüll vor dem Haus, wo er, Hans-Gerd Öfinger himself lebe, abzustellen, denn er wolle hier noch einige Jahre wohnen, und er habe eine Tochter, und dann bin ich auch schon weitergegangen, so dass ich nicht mehr erfahren konnte, was Öfingers Tochter mit dem zweifelsfrei widerrechtlich abgestellten Sperrmüll auf dem Bürgersteig vor Hans-Gerd Öfingers Mietwohnung zu tun hat.
Alles wird gut = Alles ist schlecht Die Mainzer Gruppe "Alles wird gut" hat einen Reader anlässlich der Feierlichkeiten zum "Tag der deutschen Einheit" 1999 herausgegeben, der Texte zu den Themen Rassismus, Antisemitismus, Nationalismus, Neoliberalismus und noch einiges mehr enthält. Darin findet sich auch ein kurzer Abschnitt zur Goldhagen-Debatte, der an Unverschämtheit nur schwer zu überbieten sein dürfte: "Goldhagens Buch basiert auf der Grundannahme, es gäbe unterschiedliche deutsche und jüdische 'Volkscharaktere'. Zwar kritisiert er das deutsche Wesen, bleibt aber in demselben Gedankengebäude verhaftet, das den Holocaust erst ermöglicht hat." Ich kenne viele der Mitglieder dieser Gruppe, meist universitäre Anarchos, aus meiner Zeit in der "AG Neoliberalismus"; dort führte das Lesen von vier Seiten Text zuweilen zu Erschöpfungszuständen. Die Lektüre der Einleitung von "Hitlers willige Vollstrecker" hätte gereicht, um sich davon zu überzeugen, dass Goldhagen das Konzept eines "ewigen Nationalcharakters der Deutschen" ablehnt. Aber das stand auf S. 6, und so weit ist man wohl nicht gekommen. Goldhagens Vater hat das Ghetto von Czernowitz überlebt. Er wird hoffentlich nie erfahren, wie diese Nachwuchslinken sich seinen Sohn als jemanden zurechthalluzinieren, der so denkt wie die Vollstrecker der Judenvernichtung. Die Chancen dafür stehen gut, denn niemand schert sich um deutsche Anarchos - vor allem nicht, wenn sie so dummdreist sind wie der Trupp von der Mainzer Universität.
Der Schauspieler Pierre Sanoussi-Bliss in einem TV-Spielfilm-Interview: "Zur Zeit der Wende habe ich am Staatsschauspiel in Dresden gearbeitet. Und da war von einem Tag auf den anderen die Atmosphäre so, dass man auf der Bühne beklatscht wurde und sich danach nicht aus dem Theater traute. Mein Regisseur hat mich aus dem Hotel abgeholt und hinterher wieder zurückgefahren. Da wurden Mosambikaner aus der Straßenbahn gestoßen, und keiner hat ihnen geholfen." Sie mussten über 40 Jahre drauf verzichten und haben deshalb sofort losgelegt.
Der NLP-Trainer Klaus Grochowiak hat einige interessante Beiträge zur Entwicklung des NLP geleistet: Er hat fundiert das unbefriedigende Modell der logischen Ebenen von Robert Dilts kritisiert und Standardwerke des NLP verfasst. In seinem - mit Leo Maier gemeinsam verfassten - Buch "Die Diamond-Technik in der Praxis" stellt er eine neue NLP-Technik vor, die Menschen helfen kann, Vedrängtes und Unterdrücktes in ihr Leben zu integrieren. Leider kommt später im Buch ein Exkurs in den politischen Bereich, den man lieber nicht gelesen hätte. "Als Faustregel kann man festhalten: Je mehr 'anti-' eine Anschauung ist, desto mehr ähnelt sie strukturell der negierten Auffassung. Im Politischen läßt sich das auch gut an (vermeintlich) stark entgegengesetzten Ausprägungen beobachten. Etwa den extremen Linken und den extremen Rechten. Diese ähneln sich oft weit mehr, als es ihnen (beiden) wahrscheinlich lieb ist." Also ist es etwas Ähnliches, wenn die RAF einen Manager der Deutschen Bank tötet und Neonazis Ausländer umbringen. Egal weshalb man etwas tut, tot ist tot. Je beschissener man Nazis findet, desto ähnlicher ist man ihnen, und die Antifaschisten sind Faschisten von links. Nicht umsonst ist Grochowiak hier sehr vage - als hätte er nie etwas vom Meta-Modell gehört - denn konkrete Beispiele würden allzu deutlich machen, dass Grochowiak Quatsch, und zwar politisch tendenziösen Quatsch fabriziert hat. Faustregel ist, dass jemand, der "extreme Linke" und "extreme Rechte" miteinander vergleicht, vor allem etwas über sich selbst aussagt. Hier rächt sich, dass es im NLP keinen Ideologie- und auch keinen Machtbegriff gibt und in diesem Feld wohl keiner weiß, was unter "Extremismus der Mitte" zu verstehen sein könnte. Grochowiak begreift sicher nicht, dass er herrschende Ideologie nachbetet, und er will sowieso nur das Beste für alle. Einer, der es etwas besser weiß, ist der NLP-Mitbegründer Richard Bandler, der in einem Werbeprospekt für ein Trainer's Training schreibt (oder schreiben lässt): "Most new information and new ideas come from the periphery of normative-based society." Klaus Grochowiak aber ist mittendrin.
Der linke Krisentheoretiker Robert Kurz schreibt im "Schwarzbuch Kapitalismus": "Allen Umschuldungen, Umbuchungen und Bilanzierungstricks zum Trotz hätte die allgemeine Schuldenkrise längst mit dem Zusammenbruch des überdehnten internationalen Finanzsystems enden müssen". Heißt das, die Wirklichkeit ist der Theorie von Robert Kurz nicht gewachsen? Man ahnt, dass Kurz mittlerweile einigermaßen entnervt sein muss, dass der verdammte Kapitalismus einfach nicht zusammenbrechen will, obwohl er es doch höchstpersönlich vorhergesagt hat. In einem früheren Buch (Kollaps der Modernisierung) hat Kurz die finale Krise in den Kernländern des Kapitalismus für die 90er Jahre prognostiziert und war Silvester 1999 sicher sehr enttäuscht, aber einem gewieften Theoretiker hält etwas so Bedeutungsloses wie die Wirklichkeit meist nicht lange stand. Die Lösung: Auch wenn es nicht passiert ist, hätte es doch passieren müssen! Die Wirklichkeit hat sich geirrt! Die Welt kommt meist recht gut ohne Theoretiker aus, die sie erklären, und in manchen Fällen ist es auch andersherum.
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