Samstag, 20. August 2005
Ein Inländerfreund

Junge Welt v. 21.5.05, aus zwei Briefen Jürgen Elsässers an Bernhard Schmid:

    >>Zum einen ist es politisch korrekte Scheinheiligkeit, zwischen dem »Nein von links« und dem »Nein von rechts« einen strikten Trennungsstrich zu ziehen. Will man die EU-Verfassung verhindern – ja oder nein? Falls ja, braucht man die Stimmen von rechts, da beißt die Maus keinen Faden ab. Und wenn am Abend des 29. Mai in Frankreich ausgezählt wird, wird man es den Nein-Stimmzetteln nicht ansehen, ob da einer wegen der Argumente des Rechtsradikalen Le Pen oder des Trotzkisten Krivine sein Kreuzchen gemacht hat, oder ob – was Du offensichtlich für besonders schlimm hältst – in vielen Köpfen Argumente von links und rechts fröhlich kumuliert und panaschiert wurden. <<

    >>Für den Erfolg aber ist es absolut zentral, nicht die Lieblingsargumente des jeweiligen politischen Vereins in den Mittelpunkt zu stellen, sondern das, was die Masse der Menschen wirklich bewegt, und das ist in Frankreich die Frage der EU-Erweiterung und insbesondere die Frage des Türkei-Beitritts. Wenn die Linke diesem Thema schamhaft ausweicht oder herumeiert, braucht sie sich nicht zu wundern, wenn sich am Ende Le Pen und Co. den Erfolg ans Revers heften.<<
Die Masse besteht in der überwiegenden Mehrheit aus Inländern. Wer massenfeindlich ist, ist inländerfeindlich:
    Jürgen Elässer, Junge Welt v. 28.7.05:
    >>Eine Politik für Minderheiten nicht nur als selbstverständlichen Teil linker Praxis, sondern als Zentrum oder Pointe linker Identität anzusehen, war plausibel in der fordistischen Phase des Kapitalismus, als die Herrschenden die große Masse auf Kosten von unverheirateten Frauen, Hippies, Homosexuellen, Ausländern und so weiter in ihr System integrierten. Die neoliberale Offensive hat den Frontverlauf jedoch verändert: Zum einen wurde das Image und teilweise auch die Rechtsstellung der früher Stigmatisierten verbessert – Schwulsein ist mittlerweile hip, und mit dem neuen Staatsbürgergesetz kann ein Zugewanderter leichter als früher Deutscher werden. Zum anderen richtet sich der Hauptstoß von »Agenda 2010« und »Hartz IV« gegen die Mehrheit der Bevölkerung – also gegen die Normalos, die »ihre Familien zu ernähren haben« (Lafontaine). Zugespitzt gesagt: Der Fordismus war vor allem ausländerfeindlich, der Neoliberalismus ist vor allem inländerfeindlich (wobei, um es noch einmal zu betonen, unter Inländer auch die hier lebenden Arbeitsimmigranten zu fassen sind).
    Was not täte, wären Konzepte gegen diese Inländerfeindlichkeit, Konzepte zur Gewinnung der Normalos.<<
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"Inländerfeindlichkeit" ist natürlich Nazijargon. Obwohl ich schon einiges über Elsässers Abgang von der antideutschen Szene geschrieben habe, bin ich doch überrascht, wie weit er mittlerweile geht.

Groteskes Detail am Rande - 1999 schrieb Elsässer anlässlich Lafontaines Rücktritt als Finanzminister:
    >>Für diese Republik ist Lafontaine untragbar, da er immer wieder haarscharf an antideutschen Positionen vorbeiformulierte<<

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